
Was macht der Sonntagabend eigentlich mit einem Kopf, der die ganze Woche im Anschlag stand? Diese Frage begleitet meinen Sonntags-Blues, seit ich aus der Agentur ausgefallen bin, und ich habe darauf inzwischen zwei ziemlich unterschiedliche Antworten gesammelt – eine ältere, medizinische, und eine neuere aus meiner Meditation-Praxis hier in Düsseldorf. Als Senior UX-Designerin protokolliere ich beide mit derselben Nüchternheit, mit der ich sonst Nutzerfeedback auswerte: was hat funktioniert, was nicht, und woran genau lag das. Diese UX-Designer-Routine ist deshalb kein Rückblick auf ein Wundermittel gegen den Sonntags-Blues, sondern ein Vergleich zweier Ansätze aus meiner eigenen Burnout-Nachsorge, die ich beide selbst durchlaufen habe.
Zwei Antworten auf denselben Sonntags-Blues
Zwei Phasen liegen dazwischen: der Winter nach dem Ausfall, in dem ein Rezept die einzige Antwort war, die mir überhaupt jemand angeboten hat, und die Zeit seit der Reise mit kraftquellegeist, in der ich angefangen habe, eigene Antworten zu sammeln. Beide Phasen hatten dasselbe Ziel – den Sonntagabend erträglich machen, ohne den Montag zu verlieren –, aber sie kamen mit völlig unterschiedlichen Kosten. Der eigentliche Wiedereinstieg in den Agenturalltag nach so einem Ausfall ist übrigens ein ganz eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufrolle.
Das Schlafmittel vom Hausarzt half nicht wirklich
Die erste Antwort kam vom Hausarzt, ziemlich schnell nach dem Ausfall: ein Schlafmittel auf Rezept, gedacht als kurze Brücke über die schlimmsten Nächte. Es hat den Sonntagabend nicht leiser gemacht, nur den Montagmorgen benommener. Der Gedankenlärm lief einfach weiter, nur langsamer und schwerer zu greifen, wie ein Video in Zeitlupe, das sich trotzdem nicht abschalten lässt. Die Schwere in den Gliedern am nächsten Morgen war real, aber sie hatte mit der eigentlichen Sonntagsangst nichts zu tun, sie kam einfach obendrauf.
Nach ein paar Wochen habe ich es abgesetzt, weil ich lieber mit dem wachen Problem arbeiten wollte als mit einem betäubten. Ein Rezept löst kein Problem, das mit einer liegen gebliebenen Präsentation oder einem ungelösten Konflikt im Team zu tun hat, es verschiebt es nur um ein paar benommene Stunden. Betäubung und Bewältigung bleiben zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn sich beides für eine einzelne Nacht lang gleich anfühlen kann. Als UX-Designerin würde ich das einen Workaround nennen, keine Lösung: das Symptom verschwindet kurz aus der Ansicht, der eigentliche Fehler im System bleibt unangetastet.
Zwanzig Minuten sitzen statt eine Tablette schlucken
Seit ich mit der Meditations-Reise von kraftquellegeist angefangen habe, sieht mein Sonntagabend anders aus. Ich setze mich für genau zwanzig Minuten hin, ohne Wecker, nur mit dem Atem als Zeitgeber, und danach ist der Kopf nicht leer, aber sortierter. Am Dienstag darauf in der Agentur merke ich den Unterschied meistens zuerst daran, wie viel langsamer ich auf die erste dringliche Nachricht reagiere, statt sofort in den alten Reflex zu verfallen.
Helge Wustmann aus unserer Online-Meditationsgruppe bricht seine Sitzungen öfter ab als ich und sagt das auch so, ganz ohne es zu beschönigen. Diese Offenheit in der Gruppe finde ich wertvoller als jede perfekt durchgehaltene Serie, denn ein abgebrochener Durchlauf ist auch ein Ergebnis, kein Versagen. Was in meiner eigenen Praxis dazugekommen ist, halte ich seit einer Weile schriftlich fest, fast wie ein Protokoll aus dem Design-Alltag – dazu schreibe ich mehr in meinem Eintrag zum Journaling als Protokoll neben der Meditation, aber das würde hier zu weit führen.
Tabea Reinholz ruft meistens genau an solchen Abenden an, wenn sie selbst nicht schlafen kann – wir kennen uns schon aus der Schulzeit, und am Telefon vergleichen wir, wie unterschiedlich unsere Sonntagabende inzwischen laufen. Ob ein Teil davon mit einer generellen Reizempfindlichkeit zusammenhängt, ist nochmal eine andere Frage, die ich hier nicht beantworte. Meine Morgenroutine mit einem kurzen Anker vor dem ersten Meeting ist ein eigenes Ritual, das ich getrennt davon halte, genauso wie die drei Fragen, die ich mir montagfrüh stelle und in Journaling bei Burnout gesammelt habe. Wo meine Belastungsgrenze im Homeoffice aktuell liegt, beschreibe ich ausführlicher in Achtsamkeit im Homeoffice nach Burnout.
Der Unterschied liegt am Rheinufer, nicht auf der Uhr
Am Samstag danach gehe ich oft die Rheinuferpromenade auf Höhe Burgplatz entlang, ohne Kopfhörer, nur um zu schauen, was der Kopf von selbst macht, wenn ihm niemand ein Programm vorgibt. Ein Marktstand mit warmem, frischem Brot hat mich neulich so unerwartet stehen bleiben lassen, dass ich selbst überrascht war – früher, mit dem Schlafmittel im Blut, wäre mir dieser Geruch schlicht nicht aufgefallen. Der Unterschied zwischen den beiden Antworten lässt sich also nicht an einem Kalenderblatt ablesen, sondern nur an solchen kleinen, fast banalen Momenten.
Wer über den Sonntagabend hinaus auch mit Channeling anfangen möchte, findet erste Schritte dazu in meinem Einstieg fürs Channeling, den ich an dieser Stelle nicht wiederhole.
Ich ziehe daraus keine allgemeine Regel für andere Sonntagabende, nur eine sehr persönliche Grenze: Wenn die Schlaflosigkeit selbst zum Dauerzustand wird, gehört das in ärztliche Hände und nicht in eine Meditations-App. Wenn es dagegen eher die Unruhe vor der neuen Woche ist, die sich nicht abschalten lässt, hat mir das Sitzen mehr gebracht als das Rezept vom Hausarzt. Am Sonntagabend selbst zählt für mich nur, welche der beiden Antworten gerade zu der Woche passt, die vor mir liegt.