
Vierzig Minuten – so lange lag ich im Schnitt wach, bevor mein Kopf endlich von der letzten Late-Night-Slack-Nachricht losließ. Diese Zahl stammt aus den ersten Wochen nach meinem Burnout-Ausfall im Oktober 2023, als ich mit einer ambulanten Nachsorge begann und mich fragte, ob mein Nervensystem je wieder in einen Schlaf finden würde, der sich wie Erholung anfühlt. An einem lauen Abend im Frühsommer sitze ich wieder auf der Bettkante meiner Altbauwohnung in der Carlstadt, nach einem dieser Agenturtage, an denen die Kundenprojekte dichter getaktet waren als sonst.
Bevor es weitergeht: In diesem Eintrag verlinke ich unter anderem zur 21-tägigen Meditations-Reise, mit der meine tägliche Praxis begann, und zum ELBEN-Kurs, den ich später ergänzt habe. Beides sind Affiliate-Links – bucht jemand darüber, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich der Preis ändert. Ich bin weder Ärztin noch Therapeutin, meine Notizen hier sind persönliche Beobachtungen aus meiner eigenen Genesung nach dem Burnout, keine Anleitung für andere.
Der Agenturalltag nach der Rückkehr
Mein Kollege Lorenz Hafner sitzt seit meiner Rückkehr im selben Büro-Pod wie ich, und seit einigen Monaten schirmt er mich ziemlich routiniert von spontan einberufenen Kundenmeetings ab, ohne dass wir groß darüber reden. Für den Wiedereinstieg nach einem Burnout-Ausfall gibt es kein Handbuch, nur solche kleinen Abmachungen, die den Tag erträglicher machen. Mein Schreibtisch steht zum ruhigen Innenhof hin, weit weg von der Straßenseite, was wenig hilft, wenn der Kopf selbst zur Lärmquelle wird. Cortisol treibt in der Agenturwelt den Sprint zur Deadline an, kennt aber keinen Feierabend-Schalter, und mit genau diesem Rest an Anspannung habe ich Anfang 2024 angefangen, jeden Abend mit dem Modul 'Loslassen in Leichtigkeit' aus der 21-tägigen Meditations-Reise zu arbeiten.
Abendspaziergänge allein reichten nicht aus
Regelmäßige Abendspaziergänge, wie sie mir meine Psychiaterin während der Nachsorge ans Herz gelegt hatte, gehörten zu den ersten Dingen, die ich ausprobiert habe. Ich bin sie verlässlich gegangen, die Rheinuferpromenade auf Höhe Burgplatz entlang, mit dem festen Vorsatz, danach müde und leer im Kopf zu sein. Nur hat sich das Kopfkino dabei selten abgeschaltet – die Präsentation vom nächsten Tag, die ungelesene Nachricht, die Sortierung offener Aufgaben liefen einfach mit, nur eben im Gehen statt im Sitzen. Erst als ich die Spaziergänge mit einer täglichen Sitzpraxis kombinierte, veränderte sich etwas an der Grundspannung, mit der ich abends ins Bett ging.
Meine Meditationsmatte liegt seither fest an ihrem Platz, gleich neben dem Heizkörper unter dem Fensterbrett, dort wo im Winter die wärmste Ecke der Wohnung ist. Die Stuckdecke darüber misst gut drei Meter, mit einem feinen Riss in der linken Ecke, den ich beim Hinlegen inzwischen automatisch anschaue, so wie andere auf die Uhr schauen. Auf dem Weg dorthin knarrt eine Stelle mitten im Eichenparkett, die ich im Dunkeln längst blind umgehe, ohne hinzusehen.
Die Carlstadt wird nachts nie ganz still
Wer hier im Altbau wohnt, weiß, dass echte Stille die Ausnahme ist – die letzte Bahn schlingert Richtung Altstadt, jemand lacht auf dem Rückweg von einer Kneipe, ein Lieferwagen bremst scharf an der Ecke. Viele Meditations-Apps erzählen von einsamen Bergseen, aber diese Kulisse hat mit meinem echten Leben wenig zu tun. Ich musste lernen, die Geräusche als Teil der Übung zu behandeln statt als Störfaktor, den ich wegatmen will. Manche Tage merke ich, dass mein Reizfilter enger gestellt ist als sonst, dann wird selbst das Bahngeräusch zu viel – ein eigenes Thema, das ich hier nicht auffächere. Inzwischen nutze ich das Rattern der Bahn fast als Taktgeber für meine zirkadiane Rhythmik, ohne dass ich hier erklären müsste, wie diese biologische Uhr im Detail tickt. Das würde den Rahmen eines Tagebucheintrags sprengen.
Acht Wochen zählen, ohne sie zu feiern
Der aktuelle Durchlauf meiner Abendpraxis läuft seit acht Wochen, und ich sage bewusst nicht mehr laut, dass ich in dieser Zeit irgendetwas geschafft hätte. An einem Abend in genau dieser achten Woche kam ich auf dem Rückweg über die Rheinuferpromenade auf Höhe Burgplatz an einer Bäckerei vorbei, und der Geruch von frisch gebackenem Brot war so intensiv, dass ich stehen blieb – nicht aus Höflichkeit oder weil ich etwas kaufen wollte, sondern weil mein Körper offenbar von selbst entschieden hatte, dass dieser Moment einen Halt wert war. Vor Herbst 2023 wäre ich einfach weitergelaufen, das Handy schon wieder in der Hand.
An anderen Abenden sieht die Bilanz nüchterner aus. Letzten Mittwoch saß ich zwanzig Minuten auf der Matte und merkte nach der Hälfte der Zeit, dass ich innerlich schon die nächste Kundenpräsentation durchging, statt bei der Sitzhaltung zu bleiben – ich habe die Übung trotzdem zu Ende gebracht, auch wenn sie sich an diesem Abend eher nach Pflicht als nach Ruhe anfühlte.
Achtsamkeit im Agenturalltag als tägliches Protokoll
Diese Konsequenz verdanke ich auch meinem Verständnis von Self-Care für UX Designer – es geht weniger um Wellness als um die Wartung des wichtigsten Werkzeugs, das ich im Job habe, nämlich meinen eigenen Kopf. Wenn die Reizüberflutung der Stadt an einem Abend zu stark wird, greife ich zurück auf die Techniken aus der 21-tägigen Meditations-Reise, die inzwischen so vertraut sind wie eine gut dokumentierte Design-Komponente. Seit Frühjahr 2025 ist daraus, für alle die nach der Grundstruktur mehr Tiefe suchen, auch der ELBEN Online Kurs geworden, den ich als logische Erweiterung nach einer stabilen täglichen Praxis erlebt habe – und zugleich der Ausgangspunkt für vorsichtige erste Schritte Richtung Channeling, zu denen ich anfangs selbst skeptisch war und die ich hier bewusst nicht weiter auffächere. Konkret bedeutet das im Alltag vor allem die Kombination aus Geführter Meditation zum Loslassen und dem Rückgriff auf die eigene Sitzpraxis, wenn draußen wieder eine Bahn schlingert oder drinnen der nächste Kundenanruf droht.
Mein Morgen hat inzwischen einen eigenen kleinen Anker, der mit dieser Abendroutine nichts zu tun hat und den ich an anderer Stelle beschrieben habe – hier soll es bei der Nacht bleiben. Was ich sonntagabends in mein A5-Notizbuch schreibe, ist ohnehin eher Protokoll als Tagebuch im klassischen Sinn: Datum, Sitzdauer, ein, zwei Sätze zum Zustand, nichts, das nach großer Erleuchtung klingt.
Eine Stammleserin, Edith Volk, hat mir vor ein paar Wochen unter einem Sonntagseintrag geschrieben, dass sie sich dabei ertappt, ihre eigenen Fortschritte ständig an fremden Zeitlinien zu messen, obwohl sie selbst erst seit ein paar Monaten übt. Ich kenne dieses Muster gut genug, um zu wissen, dass der Vergleich selten hilft – die einzige Zeitlinie, die zählt, ist die eigene, mit ihren eigenen vierzig Minuten Wachliegen oder eben ihren eigenen acht Wochen.
Die eine Sache, die diese Wochen der Praxis mir konkret mitgegeben haben, ist unspektakulär: Der Moment, in dem der Widerstand gegen das Hinsetzen am größten ist, ist kein Zeichen, dass die Übung falsch läuft, sondern der Hinweis, dass sie gerade am nötigsten ist. Das lässt sich auf jeden Abend übertragen, ganz gleich, wie dicht der Tag in der Agentur getaktet war.